Projekt „Gedächtnisspuren – Kunst und Demenz“: PHB nutzt besonderes Angebot für Tagesgäste und WG-Bewohner

Hofgeismar/Kassel, November 2019. „Als Sie sagten, das ist der Jakob, da wusste ich sofort Bescheid“, sagt eine Teilnehmerin. Die Freude ist der alten Dame anzusehen, sie erinnert sich an die biblische Geschichte vom Jakobssegen, den der niederländische Maler Rembrandt 1656 in einem Historienbild festgehalten hat. Es hängt in der Gemäldegalerie Alte Meister im Schloss Wilhelmshöhe in Kassel – und die Gruppe, die sich davor versammelt hat, sind Bewohner der Wohngemeinschaften für Menschen mit demenziellen Erkrankungen, die der Pflegedienst Pflege Hilfe und Betreuung e. V. (PHB) im Hofgeismarer Petrihaus betreibt. Auch eine Tagespflege bietet PHB dort an. 

Anregende Museumsbesuche

Dank der Unterstützung der Deutschen Stiftung für Demenzerkrankte (Köln) können Tagesgäste und Mieter der PHB-Wohngemeinschaften im Petrihaus derzeit am Projekt „Gedächtnisspuren – Kunst und Demenz“ teilnehmenVon September bis Dezember fahren wöchentlich abwechselnd  jeweils bis zu zehn WG-Bewohner und Tagespflegegäste in die Gemäldegalerie Alte Meister im Schloss Wilhelmshöhe in Kassel, um sich auf  „Gedächtnisspuren“  zu begeben: „Unser Angebot richtet sich an Menschen mit Demenz. Gemeinsam mit Pflegekräften oder Angehörigen erleben demenziell erkrankte Menschen heitere, entspannte und anregende Museumsbesuche“, erklärt Museumspädagogin Christiane Metz. 

Begegnung mit Kunst stärkt Selbstvertrauen

„Die Teilnehmer tauchen förmlich ein in die Bilder und vergessen dabei die schmerzliche Erfahrung ihrer Krankheit. Es steht nicht das im Mittelpunkt, was sie nicht mehr können, sondern das, was sie können und das ist oft eine ganz neue Erfahrung für alle Beteiligten“, sagt Aglaia Olshausen, Mitarbeiterin der PHB-Tagespflege. „Wir beobachten, dass demenziell erkrankte Menschen gerade durch die Begegnung mit Kunst und Malen oder Musizieren bereichernde Erfahrungen machen und in ihrem Selbstvertrauen gestärkt werden“, sagt die Leiterin der PHB-Tagespflege, Sabine Ganter-Shaw. „Wir freuen uns sehr, dass die Deutsche Stiftung für Demenzerkrankte das Projekt fördert und wir so unseren Tagesgästen und Bewohnern etwas ganz Besonderes bieten können.“ 

„Es ist faszinierend, was da zusammen kommt“

„Es läuft ganz anders als sonst“, erklärt Metz. Die Gruppe bildet einen Stuhlkreis und betrachtet etwa 45 Minuten lang ein einziges Bild. Anders als bei den herkömmlichen Führungen und Workshops im Museum steht nicht die Vermittlung von Wissen im Zentrum der pädagogischen Arbeit: Moderiert von den Museumspädagoginnen beschreiben die Teilnehmer ganz einfach, was sie sehen und was sie empfinden. Möglichst sinnliche, emotionale Eindrücke werden gesammelt, eine der Pädagoginnen hält sie wortwörtlich fest und verdichtet sie zu einer Geschichte, die am Ende der 45 Minuten und am Anfang des nächsten Besuchs vorgelesen wird. „Wir lenken die Äußerungen nicht – und es ist faszinierend, was da alles zusammen kommt“, sagt Metz.

Anschließend gibt es ein gemeinsames Mittagessen im Café Jérôme im Schloss Wilhelmshöhe. Und zu Hause wird der Museumsbesuch dann nachbereitet, wer mag, kann auch eine Kopie des Bildes in seinem Zimmer aufhängen.

„Wir möchten mit dem Angebot unser Museum auch für die Besuchergruppe der demenziell Erkrankten öffnen“, sagt Museumspädagogin Sabine Buchholz, die das Projekt mit entwickelt hat. „Ihnen soll damit eine Teilhabe am öffentlichen Leben ermöglicht werden“.  Neben der Chance, den Betroffenen eine Spur Normalität zu geben, biete dieses Format aber noch einen weiteren Gewinn. „Menschen mit Demenz haben einen direkten unmittelbaren Zugang zu den Kunstwerken, der neue Aspekte der Bildbetrachtung ermöglicht. Die Erfahrungen dieses Projektes bereichern die museumspädagogische Arbeit, auch für andere Zielgruppen“, so Buchholz.

  

Deutsche Stiftung für Demenzerkrankte

Die Deutsche Stiftung für Demenzerkrankte – Wilhelm von Lauff-Stiftung wurde 2003 in Köln durch den Versicherungsunternehmer Wilhelm von Lauff ins Leben gerufen. Sie fördert unbürokratisch Projekte zugunsten demenziell erkrankter Menschen, für deren Angehörige und für ehrenamtlich Mitarbeitende.


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